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Preußische Geschütze im Einsatz

Bei der Vorstellung des französischen Artillerieoffiziers als Protagonist des Krieges von 1870/71 wurde schon das Zitat eines französischen Generals über die Wirksamkeit der deutschen Artillerie zitiert. Dieses untermauert den heute noch akzeptierten Grund für den Sieg der deutschen Truppen über die französische Armee, denn die Überlegenheit der preußisch-deutschen Artillerie sowohl in technischer als auch in taktischer Hinsicht. Vor allem durch ihren Einsatz nahe den vorrückenden Verbänden konnte zu einem taktischen Übergewicht auf den Gefechts- und Schlachtfeldern führen. Dieser großen Bedeutung stehen die nur gering verfügbaren Quellen aus Memoiren und Bildmaterial entgegen. Zwar existieren zahlreiche zeitgenössische Fotos von Artilleristen mit ihrem Material oder erbeuteten Geschützparks, jedoch nur wenig mit einer Darstellung im Felde.

Geschütz der Batterie Leo im Rheinischen Feld-Artillerie-Regiment Nr. 8 (Sammlung Kölnisches Stadtmuseum)Umso erfreulicher ist der Nachlass der "Batterie Leo", die heute im Kölnischen Stadtmuseum aufbewahrt wird. Diese Mappe enthält zahlreiche Fotos, die von Angehörigen der Batterie - meist den Offizieren und Unteroffizieren - angefertigt wurden, aber auch von Fotos mit der taktischen Aufstellung von Geschützen sowie ihres Fuhrparks. Die Batterie Leo wurde gemäß preußische Rang- und Quartierliste von 1870/71 als zweite leichte Fuß-Batterie geführt und ist nach ihrem Kommandeur, dem Hauptmann Eugen Leo benannt. Die Charakterisierung als leichte Batterie beschreibt die Bestückung mit sechs Vierpfünder-Geschützen Kaliber 8 cm der Modelle C/64 und C/64/67 - im Gegensatz zu den "schweren Batterien" mit Sechspfünder-Geschützen Kaliber 9 cm der Modelle C/64.

Das hier präsentierte Foto aus der in Köln erhalten gebliebenen Fotomappe zeigt ein Vierpfünder-Geschütz mit der vorschriftsmäßigen Anordnung von sechs Artilleristen, eine Aufnahme die während des Krieges in Frankreich wohl gestellt wurde - wegen des Tragens der Mäntel wahrscheinlich während der kälteren Jahreszeit Anfang 1871. In den Erinnerungen "Von Stade bis Gravelotte" des Artilleristen Friedrich Freudenthal, erschienen 1898, eine der seltenen Memoiren aus den Reihen der Artillerie, findet sich im Kapitel zur Schlacht von Gravelotte eine Beschreibung der Tätigkeiten, die von den sechs Artilleristen eines Geschützes ausgeübt werden sollten. Freudenthal diente zu dieser Zeit in der 3. schweren Fuß-Batterie des Schleswig-Holsteinischen Feld-Artillerie-Regiments Nr. 9 und schreibt zur Bedienung aus Ausstattung:

Vierpfünder-Geschütz der preußischen Artillerie 1870/71"Bevor ich weiter erzähle, mag hier noch eine kurze Erklärung dessen folgen, was damals eine Geschützbedienung zu thun hatte. Rechts von dem (mit der Mündung nach dem Feinde gekehrten) Geschütz stand Kanonier Nr. 1, meistens ein Gefreiter, er hatte das Geschützt auf Kommando des Zugführers mittelst Schlagröhre und Abzugsschnur abzufeuern; Nr. 2, der Obergefreite, hatte seinen Platz links am Geschütz, er handhabte den Verschluß und besorgte vermittelst des abnehmbaren, auf die Entfernung eingestellten messingenen Aufsatzes (Visir) und der unter dem Bodenstück des Rohres angebrachten Richtschraube die Richtung des Geschützes, wobei der Kanonier Nr. 3 ihm Hilfe leistete, indem derselbe mit dem an der Lafette befindlichen Hebebaum dem Geschütz die vom Obergefreiten angedeutete Seitenrichtung gab, Nr. 3 hatte auch noch das Auswischen des Rohres, sowie das Ansetzen der Ladung zu besorgen; Nr. 4 entnahm unter Beistand von nr. 5 der Protze Granaten und Kartuschen und trug sodann die Granate aufrecht auf dem linken gebogenen Arm zum Geschütz, wo wie, bevor sie in das Rohr gelangte, von dem Geschützführer (Unteroffizier) mit Zündschraube und Vorstecken versehen wurde. Kanonier Nr. 6 diente als Reserve, er mußte eintreten, sobald von der Bedienung ein Mann als kampfunfähig ausfiel.
Das Geschütz war bespannt mit sechs Pferden und wurde von drei Kanonieren, dem Vorder-, Mittel- und Stangenreiter, gefahren. Die Sechspfündergranate, ein cylindrisches Geschoß aus Gusseisen, wog, wenn ich nicht irre, etwa 13-14 Pfund; sie zersprang infolge der an ihrer Spitze und in ihrem vorderen Teile angebrachten Zündvorrichtung sofort beim Aufschlage und zwar in 20-30 Stücke, die kegelartig nach vorwärts geschleudert wurden. Wir führten an Munition in der Protze 30 Granaten und 3 Kartätschen, im Munitionswagen 63 Granaten, eine Kartätsche für den Notfall steckte in einem Lederfutteral an der Lafette. Die Kartätsche, eine Büchse aus starkem Weißblech, enthielt 41 Kugeln aus Zink."

Freudenthal gibt in seinen Erinnerungen einen lebhaften Eindruck des Einsatzes bei der Schlacht von Gravelotte vom 18. August 1870, aus dem in Ausschnitten die folgenden Hinweise auf den (taktischen) Einsatz der preußischen Artillerie gegeben werden:

"Unsere ersten Schüsse wurden etwas übereilt abgegeben, auch zeigte sich bald, daß die Entfernung vom Hauptmann zu kurz abgeschätzt war. Die Aufregung war zu groß. Das Ungewohnte der links und rechts einschlagenden und krepierenden Granaten, das Zischen der an uns vorbeisausenden Geschosse, das Stöhnen der Getroffenen - das alles versetzte uns in eine leicht erklärliche Erregung. Auf ein Ziel, welches wieder schießt, zu feuern, ist eben eine andere Sache, als auf der Heide mit wohlgezielten Schüssen eine friedfertige Bretterwand zu durchlöchern ...
Das Feuer unserer Batterien wurde bald ein heftiges. 54 Geschütze standen in einer Linie aufgefahren und machten einen Lärm, daß man oft den Knall des eigenen Rohres gar nicht vernahm; es war ein unaufhörlicher Donner, ein Krachen, wie ich es nie zuvor in meinem Leben gehört hatte ...
Nach und nach begann es an Bedienung zu fehlen. Zu viele Kameraden wurden tot niedergestreckt oder durch eine Verwundung kampfunfähig gemacht. Bei unserm Geschütz schlug eine Granate zwischen die Stangenpferde, drei Pferde wurden zerschmettert und die ganze Bespannung geriet in heillose Verwirrung. Der Stangenreiter wurde von dem todwunden Pferd weit weg geschleudert ... auch der Mittelreiter wurde schwer am Arm verwundet und verließ das Geschütz ... Bald darauf wurde Kanonier Nr. 3 durch einen Schuß in den Unterleib tödlich verwundet ... Nun kam die Reihe an Kanonier Nr. 4, er erhielt einen Schuß durch den Fuß und mußte das Geschütz verlassen. Kaum war Kanonier Nr. 5 an des letzteren Stelle getreten, als auch dieser tödlich getroffen wurde ... Zur Bedienung des Geschützes waren jetzt außer mir noch vorhanden der Unteroffizier und Geschützführer Fiedler und der Kanonier Engelhardt; bei dem Gespanne befand sich noch unversehrt der Fahrer Odebrecht ...
Kanoniere der Batterie Leo im Rheinischen Feld-Artillerie-Regiment Nr. 8Hinter den Geschützen in einiger Entfernung war die erste Wagenstaffel, bestehend aus sechs Munitionswagen, aufgefahren. Die zu diesen Wagen kommandierten Mannschaften schwanden schon bald nach Beginn des Gefechts dahin wie Butter an der Sonne. Diese Leute "konzentrierten sich rückwärts" und sammelten sich meistens bei der zweiten Wagenstaffel (Vorratswagen, Feldschmiede usw.), die etwa 2-3000 Schritt entfernt hinter einem Gehölz aufgefahren war. Hier war die Gefahr, mit einem feindlichen Geschoß nähere Bekanntschaft zu machen, ja allerdings auch noch weit geringer, als in der Front der ersten Wagenstaffel, wohin sich ja dann und wann noch zu weit gehende feindliche Granaten verirrten. Der Ersatz, de runs von diesen Mannschaften gestellt werden mußte, blieb aus, niemand ließ sich bei uns sehen, wir, die wir zur Bedienung der Geschütze kommandiert waren, blieben unserem Schicksal überlassen und mußten uns fast bis auf den letzten Mann zusammenschießen lassen, während doch hinter uns so viele Leute vorhanden waren, daß die ganze Geschützbedienung vollständig hätte ersetzt werden können.
In der Garnison war uns gelehrt worden, daß Artillerie stets Infanterie oder Kavallerie zur Bedeckung zugeteilt erhalte. Ich habe am 18. August von dem Eingreifen einer solchen Bedeckung nichts gesehen. Kavallerie, wenn man sie in jenen Stunden auf den Höhen von Champenois hätte verwenden wollen, wäre allerdings dem sichern Verderben entgegen gegangen. Infanterie hätte uns meines Erachtens sehr nützlich sein können, sie hätte vor uns in der Niederung ausschwärmen und uns die feindlichen Tirailleure, die jeden einzelnen am Geschütz arbeitenden Mann aufs Korn nahmen, vom Halse halten können."

Im ersten Band zur Uniformierung und Ausrüstung der Armeen des Deutsch-Französischen Krieges finden sich neben einer ausführlichen Darstellung der Organisation und Uniformierung der preußischen Artillerie auch weitere Fotos aus der Mappe zur Batterie Leo, mit denen der Einsatz der Artillerie im Felde deutlich wird.